Streitlust: Zahlensalat

Das Gewicht von Heringen und Haien soll aktuell dafür herhalten, um das Problem von Plastikmüll in den Ozeanen zu belegen. Eine nette Idee, die in den Medien funktioniert. Schade nur: Die Zahlen sind fragwürdig und damit letztlich schädlich für ein berechtigtes Anliegen. Fünf Tipps als Antwort auf Fragen von @dominikrzepka zum Thema treffsichere Öffentlichkeitsarbeit.

Rzepka: Sie beraten als Kommunikationstrainer Sprecher von Firmen und Behörden dabei, ihre Botschaften treffsicher in der Öffentlichkeit zu platzieren. Über die aktuellen Botschaften zum Thema Plastikmüll haben Sie sich geärgert. Warum?

Neugebauer: Zunächst mal, es ist gut, wenn sich die EU-Kommission und andere um dieses Problem kümmern. Aber die Statistik, die in diesem Zusammenhang von den Medien transportiert wird, ist aus meiner Sicht hanebüchen. Da heißt es unter Berufung auf eine Untersuchung einer Stiftung in den USA: In 30 Jahren könnte das Gewicht des Plastikmülls im Meer größer sein als das Gewicht aller Fische zusammen, etwa 850 Millionen Tonnen gegen etwa 810 Millionen Tonnen.

Ich weiß, sowas ist herrlich griffig. Aber gerade bei diesen Größenordnungen werde ich stutzig. Natürlich hat niemand alle Heringe und alle Haie dieser Welt gezählt und gewogen, und natürlich weiß niemand, wie viele Plastiktüten und PET-Flaschen im Meer schwimmen. Ich verstehe, dass das Hochrechnungen sein müssen. Aber wer mal kurz im Netz recherchiert, findet sehr schnell raus: Schätzungen – seriöse Schätzungen! -, wie viele Tonnen Fisch in den Meeren leben, gehen hoch bis zu zehn Milliarden Tonnen.

Ich finde es ärgerlich, wenn Medien wieder und wieder lecker klingende Zahlen und Aussagen weitergeben, ohne mal kurz darüber nachzudenken.

Rzepka: Firmensprecher und Journalisten müssen – wie auch Forscher und Umweltschützer – knackige Schlagzeilen liefern, wenn sie wahrgenommen werden wollen. Ist Ihre Forderung: Weg mit den Schlagzeilen?

Neugebauer: Nein, meine Forderung ist: Knackige Schlagzeilen und richtige Schlagzeilen. Und dazu können beide Seiten etwas beitragen. Die Firmensprecher – oder Forscher oder Umweltschützer -, indem sie von sich aus seriöse und griffige Aussagen anbieten. Und Journalisten, indem sie erstens nicht jede flotte Formulierung ungeprüft übernehmen und zweitens nicht jeden Tag schreiben, dass wieder mal irgendjemand “Alarm schlägt” und dass es in irgendeiner Sache “fünf vor zwölf” ist. Die ständigen Übertreibungen, der ständige Alarmismus stumpft ab.

Rzepka: Seriös und griffig – klingt gut, klingt aber auch schwierig. Wie kann ich das als Sprecher einer Behörde, einer Firma, eines Verbandes handwerklich umsetzen? Wie vereinfache ich richtig?

Neugebauer: Wenn wir bei den Sprechern bleiben und die Journalisten jetzt mal außen vorlassen, gibt es fünf wichtige Punkte.

Punkt 1: Zeit. Es braucht Zeit, um eine Kernbotschaft richtig auszuformulieren. Wer sich diese Zeit nicht nimmt, dem wird das später auf die Füße fallen.

Punkt 2: Die Zielgruppe. Eine gute Kernbotschaft soll nicht dem Chef oder der Chefin gefallen, sondern der gewünschten Zielgruppe.

Punkt 3: Perspektivwechsel. Der Sprecher oder die Sprecherin muss die Botschaft von den Kritikern her denken und überlegen, woran könnten die sich festbeißen, wie kann ich das schon im Vorfeld auffangen.

Punkt 4: Wahrhaftigkeit. Das, was ein Sprecher sagt, muss für die Öffentlichkeit stimmig und nachvollziehbar sein. In Zeiten von Social Media ist garantiert, dass jede Unaufrichtigkeit und jeder Fehler ganz schnell aufgespießt werden.

Punkt 5: Konsistenz. Firmen, Behörden und Verbände müssen mit jeder meiner Botschaften beweisen, dass sie glaubwürdig sind und dass man ihnen vertrauen kann. Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind das einzige Kapital, das im Fall von Krisen und Konflikten zählt.

Wenn Sie Rat zu einem Konflikt suchen oder Ihre Meinung zu diesem Beitrag sagen wollen, schreiben Sie mir eine Mail an info (at) neugebauer-macht-das.de

Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February