Streitlust: Neandertaler mit Tablet bleiben Neandertaler

Kein Tag ohne Shitstorm, kein Tag ohne Beleidigungen und Drohungen in den globalen Netzwerken. Dagegen lässt sich etwas tun. @dominikrzepka fragt: Was genau?

Rzepka: In den sozialen Netzwerken funktioniert nichts besser als Erregung. Ein Shitstorm hier, gehässige Kommentare dort. Kann es sein, dass wir uns erregen und empören wollen? Brauchen wir das?

Neugebauer: Das brauchen vor allem Menschen, die Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein haben, mit Selbstreflexion und Selbstmanagement. Normalerweise sollte jeder als Heranwachsender lernen, mit Druck umzugehen und seine Gefühle zu regulieren. Das funktioniert offenkundig nicht bei allen.

Früher hat es solche Pöbeleien auch schon gegeben, aber da waren die eher örtlich begrenzt, auf einen Stammtisch hier und einen Stammtisch da. Heute kann sich jeder an den großen globalen Stammtisch setzen und mitzetern, bequem von zu Hause aus, ohne jemandem in die Augen zu sehen und zur Not anonym.

Das Dumme ist: Die Netzwerke mögen von der Ursprungsidee her sozial gedacht gewesen sein, aber sie belohnen ohne Unterschied auch antisoziales Verhalten. Jedes Like, jedes Share löst im Belohnungssystem des Gehirns ein kleines Feuerwerk aus, auch bei Hasskommentatoren. Und weil die zu einer Debatte nichts Konstruktives beizutragen haben, holen sie sich den Kick eben mit verbaler Gewalt.

Rzepka: Ist das nur das Verhalten des viel zitierten “Wutbürgers” oder ist die Bereitschaft, sich zu empören, inzwischen ein gesamtgesellschaftliches Phänomen?

Neugebauer: Für mich ist die sichtbar wachsende Empörungsbereitschaft ein Zeichen dafür, unter welchem Druck wir heute stehen. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt um uns herum verändert und mit der alte Gewissheiten verschwinden, kann einen schon schwindelig machen. Da kann ich verstehen, wenn bei manchem der Deckel heute eher wegfliegt als früher vielleicht.

Das Dumme ist: Heute kann jeder dank Internet Verbündete in aller Welt finden – Verbündete, die nicht mal die eigene Meinung teilen müssen, sondern vielleicht einfach nur Geld mit Stimmungen machen wollen. Es geht nicht mehr darum, wer die besten Argumente hat, sondern wer die stärksten Gefühle produziert.

Ich finde das sehr bedauerlich. In einer Zeit, in der wir über mehr Freiheiten als je zuvor verfügen, wissen wir mit dieser Freiheit nichts Besseres anzufangen als ängstliche und egoistische Interessen über alles zu stellen und so zu tun, als wäre jeder, der es einen Moment lang in die Trending Topics des Minderheitenmediums Twitter schafft, gleich mal “das Volk”.

Was ich aktuell vermisse, sind Bescheidenheit und die Fähigkeit, ureigene Interessen ein Stück zurückzustellen und etwas für die Gemeinschaft zu leisten.

Gutmenschen und Wutbürger haben im Kern das gleiche Ziel, sie wollen die Welt aus ihrer Sicht besser machen. Es wäre ein großer Gewinn, wenn sich beide Seiten die grundsätzliche Berechtigung dafür zustehen würden. Und wenn sie dann zu einem wirklich offenen, konstruktiven Streit über die besten Lösungen kämen. Das wäre übrigens genau das, was Zivilisation ausmacht.

Rzepka: Wie lassen sich Wut, Empörung, Erregung in etwas Kreatives, Positives, Konstruktives umwandeln?

Neugebauer: Zunächst einmal mit der aus meiner Sicht erwachsenen Einsicht, dass nicht jeder Einwand ein persönlicher Angriff ist. Dann mit der Fähigkeit, die eigenen Interessen in einen Zusammenhang mit den Interessen der Gemeinschaft zu stellen.

Die Bereitschaft dazu ist nicht in unserem Erbgut angelegt. Da geht es um Durchsetzungsfähigkeit, Vormacht und Überlebenssicherung, zur Not auf Kosten anderer. Umso mehr finde ich es spannend, ob unsere Generation die Errungenschaften von Aufklärung, Wissenschaft und der Bildung demokratischer Zivilgesellschaften bewahren und weiterentwickeln kann.

Was es meiner Meinung nach konkret braucht und was jeder Einzelne leisten kann, ist Zivilcourage. Damit meine ich nicht, dass sich jemand einem durchgeknallten Messerstecher in den Weg stellen soll. Damit meine ich den Mut, gegen jede Stichelei in der Kaffeeküche und jede Herabwürdigung im Bekanntenkreis Stellung zu beziehen. Das bringt keine breite Aufmerksamkeit und keine Tapferkeitsmedaille. Aber genau daran entscheidet sich, ob wir mehrheitlich zu einer empathischen, sozialen Schwarmintelligenz kommen (hier ist ein schönes, aktuelles Beispiel dafür), oder ob wir ins Neandertal zurückfallen.

Neandertaler, die mit einem Tablet umgehen können, bleiben im Kern nichts anderes als das, was sie sind, Neandertaler. 

Wenn Sie Fragen zur Lösung eines Konflikts haben, vereinbaren Sie einen Termin für eine kostenlose Telefonberatung unter info (at) neugebauermachtdas.de.

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Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February