Streitlust: Mit dem neuen Besen ins Fege-Feuer

Neue Besen kehren gut – das ist ein geflügeltes Wort zur Einführung eines neuen Chefs oder einer neuen Chefin. Und es ist eine falsche Behauptung, so verallgemeinernd. Manche neuen Chefs fegen weg, was dringend zu erhalten wäre. Andere scheitern an aufsässigen Mitarbeitern und landen im Fege-Feuer. Tipps für junge Führungskräfte im Interview von @dominikrzepka.

Rzepka: Ein neuer Kollege kommt ins Team. Er ist jung, hat neue Ideen und will Karriere machen. Wie sollte er auf die älteren, erfahrenen Kollegen zugehen?

Neugebauer: Das kommt darauf an, in welcher Firma er arbeitet und welche Wertmaßstäbe er selbst hat. Es gibt Unternehmen und Branchen, in denen es gern gesehen ist, wenn junge und hungrige Neueinsteiger ältere “Minderleister” wegbeißen. Das sind Firmen, für die ich nie als Berater arbeiten würde. Das ist aus meiner Sicht respektlos, menschenverachtend und letztlich kontraproduktiv. Ältere Kollegen haben nämlich etwas, was der Neue gar nicht haben kann, Erfahrung.

Ich kenne die Situation, die Sie beschreiben, aus meinem eigenen Arbeitsleben. Ich habe direkt nach dem Abitur als Journalist bei einer Zeitung in Berlin angefangen. Kurze Zeit später habe ich erstmal Texte von älteren Kollegen bearbeitet und dann auch ein Team geleitet. Damals habe ich instinktiv das gemacht, was ich mit meinem Wissen von heute als richtig ansehe: Respekt gezeigt, zugehört, klare Ansagen gemacht, um Unterstützung gebeten und bewiesen, dass man sich auf mich verlassen kann. Das hat wunderbar funktioniert.

Rzepka: Viele ältere Kollegen könnten den Neuen als Bedrohung empfinden. Vor allem, wenn er wirklich fähig ist, Trends kennt und neue Technik und Techniken sicher beherrscht. Können Sie verstehen, dass manche ältere Kollegen sich bedroht fühlen und den neuen Kollegen auflaufen lassen?

Neugebauer: Ja, das kann ich verstehen. Heute ist die Situation meiner Meinung nach noch dramatischer als zu der Zeit, als ich in die Arbeitswelt eingestiegen bin; Technik und Techniken ändern sich in einem viel schnelleren, schwindelerregenden Rhythmus. Allerdings ist Auflaufen-Lassen keine kluge Strategie, weil Verweigerung keine Lösung bringt.

Ich finde es wichtig, eine Balance herzustellen zwischen der Achtung von Erfahrungen und der Herausforderung, sich immer wieder auf Neues einzulassen und sich weiterzuentwickeln.

Innovation und Disruption sind Buzz-Wörter, mit denen sich momentan in jeder Präsentation punkten lässt. Aber keine Neuerung, kein Umbruch bewirkt etwas Positives, wenn nur alte Wertvorstellungen weggefegt werden, ohne dass neue benannt werden, die nachvollziehbar und mehrheitsfähig sind. Ich finde, im Moment erleben wir zu viele Umbrüche, bei denen niemand erklärt: Wozu soll das gut sein?

Rzepka:  Was, wenn der Neue plötzlich Chef wird. Vielleicht sogar Karrierepläne älterer und erfahrener Kollegen durchkreuzt. Muss ich mir als langjähriger Mitarbeiter plötzlich von einem unerfahrenen Neuling etwas sagen lassen?

Neugebauer: Rein hierarchisch gesehen, erstmal ja. Aber wir wissen ja, dass sich neben den formalen Strukturen inoffizielle Machtverhältnisse bilden können. Die funktionieren in Betrieben, in denen nicht offen diskutiert und konstruktiv gestritten wird. Das ist aus meiner Sicht für beide Seiten immens anstrengend und eine Verschwendung von Ressourcen.

Andererseits, nicht jeder, der eine längere Zeit in einem Betrieb arbeitet, hat irgendwann automatisch Anspruch auf eine Führungsposition. Es gibt Menschen, die dafür nicht geeignet sind. Da kommt es dann auch auf das Fingerspitzengefühl der übergeordneten Ebene an, den neuen Chef oder die neue Chefin einzuführen, ohne dass einer von den Alteingesessenen sein Gesicht verliert.

Wenn Sie Fragen zur Lösung eines Konflikts haben, vereinbaren Sie einen Termin für eine kostenlose Telefonberatung unter info (at) neugebauer-macht-das.de.

Kommentare zu diesem Beitrag können Sie ebenfalls an diese Mailadresse schicken.

Michael Neugebauer

view all post

von Daniele Zedda • 18 February