Streitlust: Oops, ein Lob – uiuiuiui…

Manchen Menschen kann nichts Schlimmeres passieren, als ein Lob zu hören. Lob? Jetzt auf einmal, für mich?? Welche böse Absicht steckt wirklich dahinter??? Antworten auf Fragen von @dominikrzepka.

Rzepka: In einem Meeting geben sich Kollegen Feedback über ihre Arbeit. Ein Teilnehmer lobt einen Kollegen. “Ihre Arbeit war gut, Ihre Präsentation war klar gegliedert und Sie haben selbstsicher und kompetent gewirkt.” Wie sollte der Gelobte reagieren?

Neugebauer: Aus vollem Herzen dankbar und glücklich. Und wenn er bei der Präsentation Unterstützung von anderen Kollegen hatte, sollte er sich auch bei denen bedanken.

Ich habe in meiner Anfangszeit als Journalist Lob vom Chefredakteur für einen Artikel bekommen, der unter meinem Namen erscheinen ist. Was der Chefredakteur nicht wusste: Ich habe nur eine ungelenke Erstversion geliefert. Den gedruckten Text hat ein älterer Kollege geschrieben und großzügig meinen Namen daruntergesetzt. Ich habe mich lange dafür geschämt, dass ich diesen Irrtum nicht aufgelöst habe.

Rzepka: Manche Menschen reagieren auf Lob skeptisch. “Das meint der doch nicht ernst, irgendwas hat er gegen mich, und außerdem sagt er das jetzt nur, weil er mich gleich noch in die Pfanne hauen will.”

Neugebauer: Ja, das stimmt. Viele befürchten, dass ein Lob nur taktisch ist und dass im Anschluss entweder noch ein Hammer kommt oder das derjenige, der da eben gelobt hat, irgendeine Gegenleistung erwartet. Na klar, sowas kommt vor. Aber wenn ich bei jedem Lob einen Hintergedanken vermute, schneide ich mir selbst jedes Erfolgserlebnis und jedes Glücksgefühl ab.

Ich finde es schrecklich, wenn Menschen jedes Lob abtun mit Sätzen wie “kein Problem” oder “da nich für”. Denen möchte ich immer sagen: “Gönn Dir!” Ich empfehle bei jedem Lob: Weiteratmen. Klappe halten. Genießen. Und dann mal sehen, ob noch was kommt.

Rzepka: Woran erkennt man ein taktisches Lob?

Neugebauer: Wenn das Lob aus einer ganz unerwarteten Ecke kommt. Wenn das Lob von jemandem kommt, von dem ich genau weiß, dass er oder sie von mir noch was braucht. Das sind Anzeichen für ein taktisches Vorgehen. Aber selbst dann würde ich die Möglichkeit nicht ausschließen, dass das Lob jetzt gerade ehrlich gemeint ist.

Und wenn dann doch noch ein Hammer kommt oder irgendeine Erwartung: Den Hammer würde ich mit der sachlichen Frage entschärfen, “was genau stört Sie, was sollte ich aus Ihrer Sicht anders machen?” Und die Erwartung würde ich freundlich, aber bestimmt zurückweisen, wenn ich darauf nicht sowieso aus eigener Überzeugung eingehen wollte.

Mein Gegenüber kann ja gerne darauf hoffen, dass ich das Lob als Anzahlung für eine Gegenleistung verstehe. Es liegt aber in meiner Macht zu entscheiden, ob ich dieser Berechnung folge oder ob ich bei mir bleibe und aus guten Gründen Nein sage.

Haben Sie Fragen zum Thema? Möchten Sie den Beitrag kommentieren? Schreiben Sie mir eine Mail an info (at) neugebauer-macht-das.de

Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February