Streitlust: Wann darf ich Kritik loswerden?

Feedbackrunden gehören inzwischen in fast jedem Unternehmen zum Alltag. Gut moderierte Runden verkraften offene Worte. Aber darf man über die Leistung eines Kollegen reden, der nicht im Raum ist? Antworten auf Fragen von @dominikrzepka.

Rzepka: In einem Meeting äußert ein Kollege Kritik an der Arbeit eines anderen Teammitglieds. Sachlich, ruhig, gut begründet. Allerdings ist der Kritisierte gar nicht anwesend. Ein No Go?

Neugebauer: Sachlich, ruhig und begründet klingt erstmal gut. Das gelingt ja nicht immer. Trotzdem ist die Sache heikel, weil der Kritisierte keine Möglichkeit hat, direkt etwas dazu zu sagen.

Wichtig ist aus meiner Sicht zweierlei: Erstens, dass es in Meetings eine gute Feedback- und Streitkultur gibt, also dass Respekt und gegenseitige Anerkennung die Grundlage für jede Diskussion sind. Zweitens, dass die Kritik nicht einfach so im Raum stehen bleibt. Der Kollege muss davon erfahren und Gelegenheit kriegen, zu dem Feedback Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme muss dann auch in der Runde ankommen, und zwar gleich beim nächsten Meeting.

Rzepka: Wäre es besser von dem Kollegen, den Kritisierten vorab anzusprechen?

Neugebauer: Wenn das zeitlich machbar ist, auf jeden Fall. Dadurch erfährt der Kritiker, was sich der Kollege bei seiner Entscheidung oder bei seiner Vorgehensweise gedacht hat. Und vielleicht merkt der Kritiker sogar, dass er mit seiner ersten Einschätzung schiefgelegen hat.

Rzepka: Wie sollte der kritiserte Kollege im Nachhinein reagieren? Sollte er den anderen Kollegen bitten, ihm die Kritik unter vier Augen zu sagen?

Neugebauer: Kritik ist nicht zwingend eine Sache, die nur unter vier Augen besprochen werden kann. Unter vier Augen gehören selbstverständlich alle Sachen, bei denen es um etwas Persönliches zwischen zwei Leuten geht. Alles andere kann in größerer Runde verhandelt werden – wie gesagt, wenn es eine gute Feedbackkultur gibt.

Haben Sie Fragen dazu, wie man richtig streitet? Hätten Sie gern eine Einschätzung oder einen Rat zu einem Konflikt, der Sie beschäftigt? Schreiben Sie mir eine Mail an info (at) neugebauer-macht-das.de

Michael Neugebauer

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til • 2 Wochen ago

Die Voraussetzung "wenn es eine gute Feedbackkultur gibt" finde ich entscheidend. Leider habe ich im Medienbereich in 15 Jahren Berufserfahrung ganz selten mal ein Team getroffen, das wirklich offen, konstruktiv und wertschätzend Feedback gibt - und leider auch selten Führungskräfte, die das gewollt und gefördert haben. Und ohne die geht's wohl nicht...

til • 2 Wochen ago

und eigentlich ist es sogar verständlich, so lange Feedback auch als Angriff auf die Führungsposition missverstanden wird - wie man gerade die Diskussion im WDR interpretieren kann... https://twitter.com/oefsti/status/994171422535815169

Michael Neugebauer • 2 Wochen ago

Spannder Zusatzaspekt, danke. Darauf werden wir nochmal gesondert eingehen.

von Daniele Zedda • 18 February