Sag niemals, nie…

Es gibt Sätze, die in einem Gespräch besser niemals fallen sollten. Wir hören sie immer wieder, und immer wieder sind diese Sätze der Anfang von größeren Auseinandersetzungen, selbst wenn wir das gar nicht wollen. Zum Beispiel: „Jetzt bleib doch mal sachlich!“

Wahrscheinlich hat jeder von uns schon etliche Meetings mitgemacht, in denen es hoch hergegangen ist. Wahrscheinlich hat jeder von uns schon erlebt, dass dann irgendjemand in so einem Meeting versucht hat, dem Wahnsinn die Spitze zu nehmen und in bester Absicht mit der Aufforderung dazwischengegangen ist: „Jetzt bleibt doch mal sachlich.“

Netter Versuch. Im besten Fall wird diese Aufforderung überhört, im schlimmsten Fall wird das Geschrei dadurch noch größer.

160706_2 Sag niemals Sachlich bleiben

 

Wieso eigentlich? Wieso wollen erwachsene Menschen, mündige Bürger, gestandene Geschäftsleute nicht zur Besinnung kommen, wenn man sie an das mutmaßlich Selbstverständliche erinnert, an Sachlichkeit? Weil Sachlichkeit in der evolutionären Entwicklung des Menschen den kleinsten und immer noch brüchigsten Teil der Persönlichkeit ausmacht. Weil der Verstand schnell aussetzt, wenn Gefühle im Spiel sind, wenn es um Leid und Leidenschaft geht.

Leid kann zum Beispiel aus einem Gefühl von mangelnder Wertschätzung erwachsen (Frauke Petry, Wladimir Putin, Donald Trump…), Leidenschaft aus der Hoffnung auf Ruhm und Ehre (BER, Elbphilharmonie, Stuttgart 21…). Mit Fakten ist der Erregung in einer Auseinandersetzung über Politik und Großvorhaben nicht beizukommen, im Gegenteil. Wer mit heißem Herzen für eine Idee oder eine Sache kämpft, dem erscheinen sachliche Gegenargumente als kaltherzig und kleinmütig, als akademisch und herablassend.

Dabei sind Gefühle als Triebfeder für menschliches Handeln nicht zwingend hinderlich und schlecht. Der Zusammenbruch der DDR war nicht das Ergebnis geordneter Verhandlungen in sachlicher Atmosphäre. Die friedliche Revolution war getragen von großen Gefühlen, von Enttäuschung und Wagemut, Verzweiflung und Aufbegehren, Angst und Überlebenswillen.

Bei jeder Verhandlung und bei jedem Konflikt – egal ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Politik – ist die Balance zwischen Gefühlen und Vernunft entscheidend. Wer allein auf Vernunft setzt, verliert die Herzen. Wer allein auf Gefühle setzt, verliert den Verstand.

Tipp 1: Wenn Ihr Verhandlungspartner laut oder verletzend wird, forschen Sie nach dem tieferen Grund für seine Erregung. Was genau ärgert ihn, weswegen fühlt er sich missverstanden oder verletzt?

Tipp 2: Machen Sie Ihrem Gegenüber deutlich, dass Sie verstehen und ernst nehmen, was ihn bewegt.

Tipp 3: Bedenken Sie, dass Verständnis nicht zwingend gleichbedeutend ist mit Zustimmung.

„Sag niemals nie“ ist eine Reihe von Beispielen für Formulierungen, die zu Konflikten führen oder Konflikte verstärken können, und Empfehlungen für deren Ersatz.

Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February