Kreuzungsschaden # 2

Alex ist ein Kollege, dem ich lange Zeit in heißer Verachtung verbunden bin: Besserwisser, Intrigant – und Gewinner bei einer hoch emotional geführten beruflichen Auseinandersetzung, an deren Ende ich kündige. Und dann sitzt er mir Jahre später wieder gegenüber, in einem Workshop mit der Geschäftsleitung eines Recyclingunternehmens. Allerdings, dieser Mann da in dem Workshop ist nicht Alex. Er sieht nur genau so aus, bewegt sich genau so und spricht genau so. Und er weckt meine niedersten Instinkte.

Die Geschichte beginnt in meinen frühen Jahren als Journalist, mit großen Hoffnungen: Ein befreundeter Kollege wechselt den Arbeitgeber, um eine neue Redaktion aufzubauen. Er fragt mich, ob ich mitmachen will – und ja, ich will. Allerdings kann ich erst zu ihm stoßen, als die Redaktion schon ein Vierteljahr arbeitet. Und in diesem Vierteljahr sind die Weichen bereits gestellt. In der Redaktion haben sich zwei Fronten gebildet, denen es vordergründig um Inhalte geht, die aber im Grunde um nichts anderes kämpfen als um die Macht.

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Als Journalist hatte ich meinen Spaß an Übertragungen, als Trainer nicht.

Mein Freund ist als Chefredakteur zunächst in der besseren Ausgangsposition. Aber das gegnerische Lager stichelt unermüdlich und mit wachsendem Erfolg. Einer der Frontmänner der oppositionellen Kräfte ist Alex. Ein kluger Kopf, zugegeben, aber mit der unangenehmen Eigenschaft, diese Klugheit auch bei jeder Gelegenheit ausstellen zu müssen. Außerdem ein falscher Fuffziger und scharf auf den Posten des Redaktionsleiters.

Meine Zuordnung zu einem der Lager steht von Anfang an fest. Wenn mich der Chefredakteur holt, dann muss ich ja wohl auch einer seiner Männer sein. Und ich bin es, sogar aus Überzeugung.

Freies Spiel verbaler Zersetzungskräfte

In meinen ersten Wochen am neuen Arbeitsplatz ist die Stimmung zwar schon angespannt, aber immer noch von der gemeinsamen Begeisterung bestimmt, hier etwas aufregend Neues auf die Beine zu stellen. Im Lauf der Zeit ergeben sich allerdings immer mehr Gelegenheiten für Reibereien und kleine Scharmützel, und wir nutzen diese Gelegenheiten mit wachsender Leidenschaft.

In jenen Jahren ist es noch unüblich, Mitarbeiter zu einem Feedback-Seminar zu schicken oder zum Teambuilding. In dieser Zeit wirkt noch das freie Spiel der verbalen Zersetzungskräfte, und das Besteck wortgewandter Journalisten ist groß.

Ich gebe zu, dass mein Auftreten damals unrühmlich war. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen muss Alex ins Krankenhaus und sich operieren lassen, am Gesäß. Eine Krisensitzung unmittelbar im Anschluss an seinen Krankenhausaufenthalt findet bei ihm zu Hause statt. Während des Treffens sitzt Alex, um seine Schmerzen zu lindern, auf einem aufgeblasenen Kinderschwimmring. Nein, meine Bemerkungen dazu waren nicht so, dass ich sie aus heutiger Sicht als angemessen bezeichnen würde…

Dieser Alex hier heißt Wolfgang

Der Machtkampf endet für meine Partei mit einer Niederlage. Der Chefredakteur geht, die meisten Mitstreiter gehen, ich gehe ebenfalls. Zurück bleiben die Enttäuschung darüber, das gemeinsame Baby nicht groß bekommen zu haben, und tiefe menschliche Verletzungen. Obwohl ich sonst nicht dazu neige, nachtragend zu sein, bekommt Alex einen festen Platz auf meiner (ansonsten sehr kurzen) All-Time-Asshole-Liste.

Viele Jahre später, ich bin inzwischen als Trainer unterwegs, bucht mich eine Firma als Moderator für einen Perspektiv-Workshop. Die Geschäftsleitung möchte sich zusammensetzen und darüber nachdenken, wohin das Unternehmen in Zukunft steuern soll. Wir treffen uns in einem Seminarhotel – und da ist er wieder, mein alter Kollege Alex. Dieser Alex hier heißt zwar Wolfgang und ist für die Finanzen des Unternehmens zuständig, aber er hat den gleichen kugelrunden Kopf, das gleiche teigfarbene Gesicht und den gleichen spöttischen Blick. Er lacht sogar genau so keckernd wie der alte Kollege.

Mein inneres System springt auf Kampfmodus, während sich mein erwachsenes Ich händeringend um ein neutrales, entspanntes Auftreten bemüht (doch, in solchen Ausnahmefällen hat das Erwachsenen-Ich Hände, und die ringt es dann). Anfänglich habe ich ernsthaft Mühe, meine niederen Instinkte im Zaum zu halten. Stück für Stück aber fällt es leichter, Wolfgang als Wolfgang zu begreifen und den Finanzvorstand nicht für die Fehlleistungen seines unseligen Doppelgängers abzustrafen.

Erfolgreiche Konfrontationstherapie

Tatsächlich dreht sich meine Stimmung im Lauf des Workshops sogar. Wolfgang erweist sich als sympathischer, warmherziger und humorbegabter Charakter. Am Ende der Veranstaltung ist mein Alex-Trauma mit einer neuen, besseren Erfahrung überschrieben.

Wie wirksam diese ungeplante Konfrontationstherapie für mich war, zeigt sich wiederum ein paar Jahre später. Ich berate eine Redaktion bei inhaltlichen Veränderungen und besuche den Chef für ein Vorgespräch in dessen Büro. Erst später erfahre ich, dass ich dabei an Alex vorbeigegangen bin. Ich habe ihn nicht einmal bemerkt, so ganz ohne Schwimmring.

 

“Kreuzungsschaden” ist eine Reihe von Geschichten, bei denen sich zwei Menschen über den Weg laufen und unvermutet Probleme miteinander bekommen. Auslöser dieser Probleme sind alte Konflikte, die der eine mit sich herumschleppt und unbewusst auf den anderen überträgt. Die Beispiele sind echt, Namen und persönliche Einzelheiten sind es nicht.

 

Kreuzungsschaden # 1

Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February