Kampfansage gegen Sehkrankheiten

Nein, Webseitenanbieter, ich schalte meinen Adblocker nicht aus. Ich abonniere auch keinen Newsletter, selbst wenn mich auf jeder Unterseite ein Pop-up darum anbettelt. Ich habe ein Problem damit, wenn mir jemand Inhalte ins Auge drücken will, die mich nicht interessieren oder die ich grottig finde. Dabei gäbe es ganz einfache Mittel gegen diese Sehkrankheiten.

Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich am Kiosk Geld bezahlt habe, wenn ich den Tagesspiegel, die ZEIT oder neon lesen wollte. Ich erinnere mich daran, dass ich im Auslandsurlaub sogar richtig viel Geld bezahlt habe, um mich mit Nachrichten aus Deutschland zu versorgen und die Süddeutsche oder den SPIEGEL zu lesen. Für Inhalte bezahlen? Na selbstverständlich.

Werbung kann Spaß machen

Ich erinnere mich auch noch an die Zeit, als ich extra ins Kino gegangen bin, um Werbung zu sehen, die Cannes-Rolle mit den besten Spots der Welt in abendfüllender Länge. Viele Jahre hatte ich sogar ein Abonnement für Lürzer´s Archiv, ein Fachmagazin für Printkampagnen. An Werbung Spaß haben? Aber ja.

Dann kam dieses Internet, und auf einmal gibt es alles ohne Bezahlung, fast alles jedenfalls. Mir ist klar, dass damit Journalisten und Marketern Einnahmen wegbrechen. Ich verstehe, dass die Contentanbieter nach neuen Erlösmodellen suchen. Die aktuellen Methoden allerdings finde ich schrecklich. Die drei schlimmsten:

1. Betteln

Wer spiegel.de im falschen Browser mit Adblocker aufruft, wird alle zehn Sekunden mit einem Pop-up genervt: “Bitte deaktivieren Sie Ihren Adblocker!” Wieso sollte ich? Um den Meldungstext von einer animierten Anzeige einrahmen zu lassen, die mich beim Lesen schwindelig macht? Um auf einer Unterseite erstmal bildschirmfüllend Werbung zu sehen statt des Artikels? Um von blinkender und zappelnder Holzhammerreklame Augenkrebs zu kriegen? Nope!

 

2. Drängeln

meedia.de hat über längere Zeit Eigenwerbung für einen Newsletter gemacht. Welchen Beitrag auch immer ich angeklickt habe, sofort ist die Aufforderung aufgepoppt, doch bitteschön den täglichen Social Media Radar von Jens Schröder zu abonnieren. Nein danke, ich möchte das nicht. Ich möchte den Dienst auch nicht abonnieren, als das Pop-up beim zweiten Artikel auftaucht, beim dritten Artikel, beim zehnten Artikel. Ich frage mich, welche Strategie hinter dieser Aufdringlichkeit steckt. Soll sich am Ende jemand aus Überdruss oder Mitleid entscheiden, diesem Kerl dann doch ein Abo zu schenken? Jens Schröder hätte Besseres verdient.

3. Krawall machen

welt.de geht gar nicht, für meinen Geschmack. Wenn der Text mit einem Video kombiniert ist, startet das Video automatisch, mit vorgeschalteter Werbung. Orkan über Nord- und Ostdeutschland? “Yippiejaja-yippie-yippie-yeah”! Das einzig Originelle daran: Mit einem Screenshot im richtigen Moment kann man suggerieren, dass dem Auftraggeber der Werbung das Umfeld selbst ein bisschen peinlich ist.

 

Diese Methoden sind für meinen Geschmack erbärmlich, aber nicht erbarmungswürdig. Wäre im Print-Zeitalter irgend jemand auf die Idee gekommen, die Finger des Lesers erstmal 20 Sekunden an einer Anzeigenseite kleben zu lassen, bevor er umblättern kann? Hätte sich jemand neben einen Leser gesetzt und ihn ständig angestupst, “hey, sollen wir dir auch noch einen Brief schicken, jeden Tag”? Hätte jemand der Zeitung eine Stepptanzgruppe mitgegeben, die während der Lektüre für Versicherungen oder Waschmittel wirbt?

Zwei Vorschläge zur Güte

Ich bin immer noch bereit, für Inhalte zu bezahlen. Mir macht nur niemand ein passendes Angebot. SPIEGEL Plus? Fauler Zauber, weil ich die Inhalte im Lauf der Woche sowieso im Magazin lese. SPIEGEL DAILY? Nicht wirklich das, was meinen Tag anhält (dafür etwas, das sich schon wegen des geldversessenen Schnösels Harald Schmidt von selbst verbietet). Wie wäre es also statt würdeloser Bettelei mal mit einem ansprechenden Angebot?

Ein ansprechendes Angebot dürfte für mich sogar Werbung enthalten, wenn die aktuelle Zauberformel für Start-Upper und Marketer Anwendung fände: Alles vom Nutzer her denken. Steht der Nutzer auf Wackeln, Zappeln und Krawall? Nein. Will der Nutzer Augenkrebs? Nein. Hat sich irgendwann mal ein Holzhammer als nützlich für den Aufbau einer langjährigen Geschäftsbeziehung erwiesen? Nein. Wieso wird dann so beharrlich redaktionelle Qualitätsarbeit mit tückischen Sehkrankheitserregern versetzt?

Webseitenanbieter, nehmt mich endlich ernst und holt Euch das Geld ab, das ich gern bezahlen würde.

Michael Neugebauer

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Herbert Bopp • 2 Monaten ago

Kann ich Wort für Wort unterstreichen. Als ich mein SPIEGEL-Abo (ca. 600.- jährlich, Luftpost fürs Ausland,) vor Jahren kündigte, um Kohle zu sparen, fing das mit den bezahlten Inhalten gerade so richtig an. Inzwischen lege ich für paid content diverser Anbieter jeden Monat mehr Kohle auf den Tisch als damals das SPIEGEL-Abo kostete. Nicht weiter schlimm. Schließlich kann ich mir jetzt mein Lese-Menü am virtuellen Buffet nach Gusto zusammenstellen. Was mich nervt: Obwohl ich dafür bezahlt habe, machen mir die Anbieter (blendle, zum Beispiel) ein schlechtes Gewissen, wenn ich den Beitrag weiterleite. Bei manchen sind selbst Screenshots nur über technisch komplizierte Umwege möglich. Fazit: Beim Management von paid content ist noch viel Luft nach oben. Über die nervigen Anzeigen rege ich mich schon lange nicht mehr auf. Das Internet ist nun mal keine Einbahnstraße. Ich nehme (Leseware), also gebe ich auch (meine Aufmerksamkeit für die eine oder andere Anzeige). In diesem Sinne: Happy reading! (Übrigens: Klasse Beitrag, Michael).

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Anmerkungen zu meinen Texten sind willkommen. Kommentare werden erst dann veröffentlicht, wenn ich sie freigebe. Mit Widerspruch zu meiner Meinung habe ich kein Problem, mit persönlichen Angriffen schon.

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von Daniele Zedda • 18 February