Gruselige Gender*sternchen

Die Onlineseite ze.tt beklagt, dass Rechte mit einfacher Sprache ihre Ansichten verbreiten und Anhänger gewinnen. Dabei ist ze.tt mit seinem Sprachgebrauch vielleicht ein Teil des Problems.

Nein, ze.tt gehört nicht zu den Seiten, die ich regelmäßig im Netz ansteuere. Ich habe da ja im Grunde auch nichts zu suchen, so vong Alter her. Manchmal werde ich aber doch auf einen Artikel dort aufmerksam, vor ein paar Tagen zum Beispiel auf diesen hier:

Das Thema Sprache interessiert mich. Und dann lese ich im Vorspann:

Obwohl dieser Vorspann sicher nicht von Rechten verfasst ist, weckt er bei mir sehr schnell sehr starke Gefühle. Was ist das für ein Sprachmurks!

Erstens: Wenn dieses gruselige Gender*sternchen schon Eingang in die Textgestaltung findet, wieso gibt es dann geschlechtsneutrale User*innen, aber nur männliche Rechtspopulisten?

Zweitens: Ich bin davon überzeugt, dass die Sternchenschreibung keiner einzigen Frau zu einem kürzeren Aufenthalt in der Küche, zu einer einfacheren Karriere oder einem höheren Einkommen verhilft. Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass solche Sternchenformulierungen dazu führen, dass das Interesse am Lesen deutlich sinkt – und damit die Chance, durchaus relevante Inhalte in eine breite Öffentlichkeit zu tragen.

Rob*in Hood kämpft für Entrechtet*innen

Jawohl, ich bin für einen sorgsamen Umgang mit der Sprache. Für mich hört der Spaß aber auf, wenn hinter jeder Ecke eine Rob*in Hood lauert und sich zum / zur Sprecher*in aller denkbaren Entrechtet*innen aufschwingt (ok, das waren jetzt auch die letzten Stolpersternchen in diesem Text). Und gänzlich unwirsch werde ich, wenn als Ersatz für sprachliche Problemzonen kopfverkorkste Hilfskonstruktionen angeboten werden, neben dem Gendersternchen beispielsweise diese Begriffe:

Intensivtäter: Ein Intensivtäter ist für mich jemand, der sich ausdauernd mit einer Tätigkeit beschäftigt. Ausdauer ist in meinen Augen eine durchaus positive Eigenschaft. Was aber ist positiv daran, wenn jemand ausdauernd in Läden klaut, schwarzfährt oder rumprügelt?

Obdachlosenmilieu, Schwulenmilieu, Rockermilieu usw.: Obdachlose treffen sich mit Obdachlosen, Schwule mit Schwulen, Rocker mit Rockern. Was soll dieser leersinnige Zusatz „Milieu“? Und wenn denn jemand unbedingt Milieustudien betreiben will: Wann reden wir mal über das Lokführer-, das Schuhverkäufer- und das Soziologen-Milieu?

Migrationshintergrund: Bei diesem Begriff bekomme ich bis heute regelmäßig Schnappatmung. Migrationshintergrund, was soll das sein? Das klingt für mich nach einer Fototapete mit einer bevorzugt anatolischen Landschaft, die immer dann als Hintergrund aufzustellen ist,  wenn ein Zuwanderer Passfotos machen lässt. Das ist aber nichts anderes als Sprachschwurbelei derjenigen, die sich vor dem banalen (= einfachen) Wort Zuwanderer (= Migrant) wegducken.

Alle diese Begriffe haben eins gemeinsam: Sie sollen eine sprachliche Herabsetzung von einzelnen Menschen oder Gruppen verhindern – recht so. Ich bin aber der Überzeugung, dass  sie in der konkreten Umsetzung nicht für mehr Respekt sorgen, sondern Verständnis erschweren und zur Entfremdung zwischen „denen da oben“ und „uns hier unten“ beitragen. Und dass genau daraus die Rechten sehr billig Kapital schlagen.

Einfache Sprache, schöne Sprache

In dem Artikel über die eingängige Sprache der Rechten zitiert ze.tt die Berliner Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel: „Einfache Sprache wird schneller verarbeitet und erreicht das Bewusstsein ohne größere Anstrengungen. Dieser Sprachgebrauch entspricht der Alltagskommunikation und wird daher von vielen Menschen als authentisch, natürlich und volksnah empfunden.“

Ich finde, es könnte sich lohnen, im Sinne einer besseren Verständlichkeit intensiver am sprachlichen Ausdruck zu arbeiten, auch im journalistischen Milieu mit Missionierungshintergrund.

Oder können wirklich nur Rechte kurz und prägnant?

Michael Neugebauer

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Isabella • 4 Monaten ago

Bei manchen Dingen geht es auch nicht um die unmittelbare Auswirkung, sondern darum, ein gesellschaftliches Umzudenken voranzutreiben und vor allem darum, Denkprozesse anzustoßen. Wenn sich niemand je mit solchen Themen auseinandersetzen würde, weil es zu umständlich ist, hätten Frauen bestimmt noch immer kein Wahlrecht, von anderen Rechten ganz zu schweigen. Und umständlich und unleserlich erscheint es Ihnen vermutlich nur, weil sie es nicht gewöhnt sind. P.S.: Ich sehe es auch als etwas kritisch, wenn Männer behaupten, sie wissen, was für Frauen hilfreich ist und was nicht. Was würden Sie davon halten, wenn man im Sprachgebrauch nur noch weibliche Formen benutzt? ;)

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Anmerkungen zu meinen Texten sind willkommen. Kommentare werden erst dann veröffentlicht, wenn ich sie freigebe. Mit Widerspruch zu meiner Meinung habe ich kein Problem, mit persönlichen Angriffen schon.

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von Daniele Zedda • 18 February