Grenzerfahrungen

So ein Kommunikationstrainer hat ein feines Leben. Er drückt sich immer verständlich aus, kann Menschen mit anderer Auffassung stets überzeugen und hat deswegen niemals Konflikte. Tut er? Hat er nicht? Ach nö, auch ein Kommunikationstrainer kommt an seine Grenzen. Ich zum Beispiel direkt vor meiner Wohnungstür.

Vor einiger Zeit ist ein neuer Mieter in die Wohnung unter mir eingezogen, ich nenne ihn mal Enrique. Enrique kommt aus Mexiko, arbeitet hier in einem Forschungsinstitut und positioniert sich schon beim Einzug: Möbel wollen gerückt werden, geräuschvoll, bis nachts um halb drei.

Erster Gedanke: Naja, in der Hektik des Umzugs kann man schon mal die Zeit vergessen, und man will´s am nächsten Tag ja einigermaßen gemütlich haben. Sei´s drum.

In den folgenden Nächten aber geht es weiter mit dem Stühle-, Tische-, Schränkerücken. Und dann kommen noch die Bilder dazu. Die Bilder sollen an Nägeln hängen. Und die Nägel werden kräftig in die Wand geschlagen, weit nach Mitternacht.

Zweiter Gedanke: Es ist Zeit, den neuen Nachbarn kennenzulernen und freundlich auf etwas hinzuweisen, das aus meiner Sicht ein Lärmproblem ist.

Runde 1

Ich klingele an Enriques Tür, er öffnet – und sieht mich fragend an, als ich nach der Begrüßung mit meinen lehrbuchmäßigen Ich-Botschaften anfangen will. “English please”, sagt er und bringt mich damit erstmal aus dem Konzept. Englisch ist nicht die Sprache meiner Wahl, schon gar nicht bei Auseinandersetzungen. Aber gut, dann fasse ich mal auf Englisch zusammen:

Er sei neu in dem Haus und habe wohl noch nicht bemerkt, wie hellhörig das ist. Das sei es aber, und ich könne nicht schlafen, wenn er spätabends Möbel verrückt, Nägel in die Wand schlägt oder mit der Grazie eines T-Rex durch die Wohnung stapft (ok, das mit dem T-Rex habe ich netter formuliert).

Enrique ist überrascht und entschuldigt sich. Er will künftig darauf achten, leiser zu sein.

Dieses Versprechen hält keine drei Tage, dann wollen wieder Möbel verrückt werden, nächtens natürlich. Ich kann mein eigenes Radio ausmachen, weil die Musik von unten laut genug ist. Und ich kann mir die Speisekarte meines Nachbarn ausmalen, weil ich in seiner Küche den Fleischklopfer, das Hackmesser und den Schneebesen tanzen höre.

Runde 2

Ich spreche Enrique erneut an, und er entschuldigt sich erneut.

Nein, damit ist die Geschichte natürlich nicht erledigt. Nächster Höhepunkt ist eine Party: Junge Menschen toben vergnügt und weltvergessen durch die Wohnung, lärmen rauchend auf dem Balkon und halten durch bis zwei Uhr früh. Am nächsten Tag schläft Enrique offenbar erstmal gründlich aus, bevor er zu fortgeschrittener Stunde damit beginnt, die Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Es ist Mitternacht, als er klirrend das letzte Leergut zusammenträgt.

Zeit für ein weiteres Gespräch mit Enrique, inzwischen doch etwas gereizt. Ich schildere ihm meine Wahrnehmung, ich formuliere meinen Wunsch (wie man das so macht als Kommunikationstrainer) – und kriege als patzige Antwort: Das könne ja gar nicht sein, dass ich so viel von ihm mitkriege. Er wohne schließlich unter mir, nicht über mir, und das sei physikalisch nicht möglich.

Physikalisch nicht möglich? Wieso? Weil Lärm neuerdings ein Gewicht hat und verlässlich nach unten fällt? Der Mann ist Naturwissenschaftler und verbreitet alternative Fakten, noch bevor diese Tatsachenverdrehungen offiziell erfunden sind.

Runde 3

Dann also: Brief an die Hausverwaltung mit der Bitte um externe Intervention. Der erste Brief bleibt folgenlos, weil die Hausverwaltung keine Lust auf Probleme hat. In den zweiten Brief füge ich den zaubermächtigen Zusatz ein, dass ich eine Kürzung meiner Miete in Erwägung ziehe. Innerhalb weniger Tage mahnt die Verwaltung bei meinem Nachbarn schriftlich ein verträgliches Verhalten an.

Der Erfolg? Ein paar Wochen relativer Ruhe, immerhin. Inzwischen stellt sich, Stück für Stück, wieder die alte Rücksichtslosigkeit ein.

Ja, es gibt Konflikte, die nicht für beide Seiten zufriedenstellend zu regeln sind. Diese Einsicht ist für mich nicht neu, aber im Ernstfall trotzdem schmerzhaft. Ich erkenne, dass mein Nachbar offensichtlich anders wahrnehmend ist, sozial zu den Grobmotorikern gehört und über keine Synapsen verfügt, an die ich emotional oder intellektuell anknüpfen könnte.

Runde 4

Es gilt die alte Losung:

Ich wünsche mir die Kraft, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.

Ich wünsche mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.

Und ich wünsche mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Derzeit übe ich mich in der praktischen Anwendung von Satz 2. Die Umsetzung von Satz 1 steht auf meiner mittelfristigen To-Do-Liste, ein Umzug.

P.S.: Manchmal zahlt sich auch Gelassenheit aus. Meine langjährige Nachbarin Nathalie, ein böse keifendes Weib mit einem hässlich kläffenden Köter, ist vor kurzem ausgezogen und dauerhaft ins Ausland gegangen, ganz ohne mein Zutun. God bless America…

Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February