Dieser Text ist eine große Enttäuschung

Spotlight-Effekt, Truthahn-Illusion und Bestätigungsfehler: Unser Gehirn liebt Muster und bevorzugt all das, was es schon kennt. Deswegen sitzen wir andauernd Täuschungen auf. Nur wer die Mechanismen kennt, kann sich ent-täuschen. (Teil 1)

Spotlight-Effekt

Wer beim Mittagessen in der Kantine mit Messer und Gabel abrutscht und sich ein paar mikroskopisch große Flecken Tomatensoße aufs Hemd spritzt, denkt: Das werden die Kollegen sehen. Die Kollegen werden überhaupt nichts anderes mehr sehen als diese Soßenflecken.

Irrtum.

Während unsere innere Aufmerksamkeit, unser inneres Spotlight, auf nichts als diese Soßenflecken ausgerichtet ist, sind die Kollegen mit ihren eigenen Spotlights beschäftigt.

Blöder Nebeneffekt: Je größer die eigene Verunsicherung ist, desto mehr „riechen“ die Kollegen, dass etwas nicht stimmt, und suchen so lange nach der Ursache, bis sie den Soßenfleck gefunden haben. Dann wird der Spotlight-Effekt zu einer sich selbst erfüllenden Vorhersage, zur self-fulfilling prophecy.

Truthahn-Illusion

Tag um Tag kommt der Farmer und füttert den Truthahn. Der Truthahn denkt: „Netter Kerl, dieser Farmer; er kommt jeden Tag und sorgt dafür, dass ich satt werde.“ Rein statistisch gesehen wächst für den Truthahn mit der Zeit die Gewissheit, dass er bei seinem Farmer bestens aufgehoben ist… – bis zum Vorabend von Thanksgiving. Da kommt der Farmer und hackt ihm den Kopf ab.

Viele Menschen erliegen der Illusion, dass sie die Ereignisse der Zukunft aus den Erfahrungen der Vergangenheit hochrechnen können. Sie verwechseln Wahrscheinlichkeit (die Chancen für ein verheerendes Erdbeben in San Francisco innerhalb der nächsten 15 Jahre sind hoch) und Möglichkeit (das Erdbeben muss nicht bis zum letzten Tag warten, es kann schon in der nächsten Stunde krachen).

Wenn es um einen Geldgewinn geht, wird dieser Mechanismus allerdings ausgehebelt. Die Aussichten auf einen Haupttreffer beim Lotto liegen bei etwa 1 : 140 Millionen. Wer aus dieser Statistik ein wachsendes Anrecht auf einen Lottogewinn ableiten will, müsste also rund 190.000 Jahre jeweils mittwochs und samstags einen Tippschein abgeben und schwupps, wäre er reich.

115 Leute, die im vergangenen Jahr in Deutschland Lotto-Millionär geworden sind, amüsiert das.

Bestätigungs-Fehler

Wer schwanger ist, sieht plötzlich nur noch andere Schwangere. Wer in Lokalmedien regelmäßig auf Polizeimeldungen achtet, hat den Eindruck, die Welt wird immer krimineller. Grund dafür ist, dass wir grundsätzlich nach einer Bestätigung für die einmal gewonnenen Einsichten suchen und nicht darauf aus sind, unsere Haltung jeden Tag zu überprüfen und zu aktualisieren.

Das Gehirn kann rund 11 Millionen Sinneseindrücke pro Sekunde verarbeiten (der Kollege neben mir trägt einen schwarzen Anzug, er schwitzt ziemlich stark, und diese Stühle hier sind ziemlich unbequem). Nur 40 davon sind uns bewusst (die Verkaufszahlen aus dem jüngsten Quartal sind gut, die Chefin ist gerade aus dem Urlaub zurückgekommen, und die Chancen für eine Gehaltserhöhung stehen gut). Das bedeutet: 10.999.960 Wahrnehmungen werden im Unterbewusstsein abgehandelt und nach bekannten Standards abgelegt (Männer mit Anzügen sind immer wichtig, der Kollege Müller hat nie etwas Sinnstiftendes beizutragen, und die Kantine wird aus dem Schnitzel heute wieder eine Schuhsohle machen).

Diese Arbeitsteilung zwischen bewussten und unbewussten Wahrnehmungen hat evolutionär gesehen durchaus Sinn: Jeder bewusste Denkprozess kostet Energie, und Energie ist Mangelware im Neandertal. Man weiß ja nicht, wann die nächste Herde Mammuts vorbeizieht, wann man ein Prachtexemplar erlegen kann und wie lange der Vorrat dann reicht.

Dieser Mechanismus funktioniert leider bis heute. Selbst eine ins Adipöse spielende Überversorgung mit Fett und Zucker lässt uns nicht skeptischer, heller, wandlungsfähiger werden. Und so macht sich jeder seine Welt – widdewidde -, wie sie ihm gefällt.

Außerdem irritierend: ein Heiligenschein, ein Anker und falsche Erinnerungen – Themen in Teil 2.

Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February