Die Lust am Frust

Kommunikationstraining für eine Gruppe von Nachwuchsjournalisten. „Ich war als Praktikantin mit einer älteren Redakteurin auf Dreh. Als wir den Film zusammen geschnitten haben, hat die Redakteurin mich aus heiterem Himmel beschimpft und angeschrien“, erzählt eine junge Kollegin. Der Anlass: banal. Der Hintergrund: Druck von oben. Die Erkenntnis, als wir die Situation nachstellen und die junge Kollegin selbst in die Rolle barschen Redakteurin schlüpft: Überraschend.

Deutschland ist gereizt, der Begriff „Wutbürger“ hat Aufnahme in den Duden gefunden. Auf den Straßen demonstrieren „besorgte Bürger“, bei Wahlen lassen sich zu Zehntausenden Protestwähler mobilisieren, durch das Netz toben Trolle. Nach meinem Eindruck herrscht verbreitet eine Stimmung, die weit entfernt ist von Entspannung und Lässigkeit.

Auf diesem Nährboden gedeihen das Grummeln, das Granteln, das Grollen. Der Social-Media-Profi gibt dann gleich noch so richtig Kante, in aller Öffentlichkeit – so wie Tessa Watzik aus Offenbach. Die hat sich die breitangelegte Beschimpfung von Firmen auf deren Facebook-Präsenzen zur Lebensaufgabe gemacht hat. Mangelhafte Qualität bei einem Backteig? Schlechter Service in einem Restaurant? Unfreundliche Bedienung an einer Tankstellenkasse? Raus mit dem Frust bei Facebook! Unternehmen und Angestellte werden mit göttlichem Zorn überzogen: „Ich hätte dem gelangweilten, demotivierten, depressiven, unansehnlichen Typen am liebsten in seine Pfanne gekotzt, so sauer war ich!“

Köstlich peinlich

Womit Tessa Watzik nicht gerechnet hat, ist ein wuchtiger Konter, aus einer überraschenden Richtung: Jan Böhmermann knöpft sich die Frau vor. In seinem Neo Magazin Royale breitet er vor großem Publikum ihre selbstgefällige Raserei aus…

perspektivwechsel

 

… und konfrontiert sie mit den Zielscheiben ihrer Tiraden. Die Menschen, die Watzik aus sicherer Entfernung vom heimischen Rechner aus beschossen hat, stehen plötzlich persönlich vor ihr auf der Bühne. Ein Moment köstlicher Peinlichkeit… (Das Video dazu hier.)

Lesson to learn (1): Wenn du partout zetern willst, sieh deinem Gegenüber dabei wenigstens in die Augen.

Die eingangs erwähnte TV-Praktikantin nutzt das Kommunikationstraining, um den Streit mit der älteren Kollegin nachzustellen. Allerdings, wir tauschen die Rollen. Sie ist jetzt selbst die keifende Redakteurin, ihre eigene Rolle übernimmt eine andere Seminarteilnehmerin.

Es entwickelt sich ein Krach wie aus dem Bilderbuch. „Du hast die Unterkunft für die Dienstreise über deine private Kreditkarte gebucht, obwohl du das nicht darfst“, schimpft die Ältere. „Ich habe das gemacht, weil´s schnell gehen sollte“, verteidigt sich die Jüngere. „Du weißt doch, dass sowas über die Firma gehen muss.“ – „Nein, das weiß ich nicht.“ – „Doch das weiß man!“ – „Ich wusste das nicht, das hat mir keiner gesagt!“ – „Weil du Mist gebaut hast, macht mir der Chef jetzt Druck!!“ – „Da kann ich doch nichts dafür!!“ – „Du bist total unprofessionell!!!“ – Das hat gesessen. Die jüngere Kollegin rennt aus dem Raum.

Das perfekte „Koch-Rezept“

Die Zutaten für diesen prachtvoll herausgearbeiteten Streit sind einfach: Ein banaler Anlass. Ein leicht reizbarer Chef. Eine unbeherrschte Redakteurin. Druck, der von oben nach unten durchgereicht wird. Am Ende der Konfliktkette eine junge Frau, die sich nicht zu wehren weiß. Das ist das perfekte Rezept, um Menschen zum Kochen zu bringen.

Und wie kommt man raus aus so einer Nummer?

Lesson to learn (2): Raus aus dem Reflex. Angriffe nicht mit Verteidigung oder Gegenangriff beantworten, sondern mit einem unerwarteten Satz oder einer unerwarteten Handlung. In diesem Fall also zum Beispiel mit der Frage, „was erwartest du jetzt von mir?“, oder mit dem Abbruch des Streits: „Lass uns später in Ruhe darüber reden.“

Interessant ist, wie die junge Frau die Situation in der Rolle der Angreiferin erlebt hat. „Ich habe Macht gespürt“, sagt sie. „Und es war toll, mal alle Rücksicht zu vergessen und den ganzen Frust rauszulassen.“ Ja, das tut gut, sich mal nicht ohnmächtig zu fühlen, alle Verantwortung fahren zu lassen und den ganzen Stress abzuladen. Wobei gern übersehen wird: Der meiste Stress, der meiste Frust entsteht nicht durch unselige Schicksalsschläge. Den meisten Stress, den meisten Frust schieben wir uns gegenseitig zu.

Runter von der Schaukel

Mein Eindruck ist, dass sich immer weniger Menschen in der Kunst der Affektkontrolle üben, also in der Kunst, nicht jeder Gefühlsaufwallung auf der Stelle nachzugeben. Stattdessen werden Befindlichkeiten unverzüglich thematisiert und im Wettbewerb mit den Befindlichkeiten der anderen gleich mal vorbeugend dramatisiert. So schaukeln wir uns gegenseitig auf – so weit, dass der „Wutbürger“ zum Alltagsbegriff wird und Eingang in den Duden findet.

Lesson to learn (3): Runter von der Schaukel. Die Perspektive wechseln und den Konflikt mit den Augen des anderen sehen. Verständnis und Mitgefühl entwickeln.

Für diejenigen, denen diese Strategie naiv erscheint: Nach meiner Erfahrung wirken auch Verständnis und Mitgefühl ansteckend. Und diese Ansteckung ist für die Seele wesentlich gesünder als jedes Grummeln, Granteln, Grollen.

Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February