Der blutige Montag

Heute schon Feedback gegeben? Wir werden ja an allen Ecken und Enden nach Lob und Kritik gefragt, nach der Fahrt mit dem Taxi, nach dem Essen im Restaurant, nach dem Besuch im Hotel. Und natürlich am Arbeitsplatz. Gerade am Arbeitsplatz geht das mit den Rückmeldungen allerdings besonders oft schief. Bei den Kolleginnen und Kollegen einer Fernsehredaktion zum Beispiel heißt die wöchentliche Feedback-Runde intern “der blutige Montag”.

160629_2 Feedback

Zwei Dutzend Menschen arbeiten wöchentlich an einem 30-minütigen Fernsehmagazin. Jeder aus dieser Runde ist ein TV-Profi, jeder für sich genommen ein freundlicher Mensch mit einem sympathischen Wesen. Montags allerdings, wenn das Team die Sendung der vergangenen Woche ansieht und kritisiert, werden aus umgänglichen Jekylls mordlustige Hydes.

Ich weiß das, als mich die Redaktion als Moderator für eine Klausurtagung anfragt. Auf der Klausurtagung soll es im Kern um neue Programmideen gehen und nebenbei um die Begutachtung der ersten Sendung mit einer neuen visuellen Verpackung, mit einer neuen Optik für die alteingeführte Marke.

Der erste Teil der Klausur verläuft harmonisch und produktiv. Dann kommt der spannende Moment, die Vorführung der neuen Sendung. “Wir machen das diesmal anders”, sage ich. “Wenn die Sendung zu Ende ist, sagen Sie bitte nur, was Ihnen gefallen hat.” Auch wenn ich die jüngste Produktion selbst noch nicht gesehen habe, schätze ich die Arbeit dieser Redaktion. Die machen da wirklich lecker Fernsehen mit toll komponierten Beiträgen.

Die Messer sind gewetzt

Also dann: Licht aus und Sendung gestartet.

Was ich sehe, ist eine schlüssige Reihe von atmosphärisch dichten Beiträgen über interessante Menschen, gut gefilmt und gut getextet, kurzweilig und informativ. Die neue Optik wirkt auf mich frisch und stimmig.

Nach 30 Minuten: Ende der Sendung, Licht wieder an.

Atemlose Spannung, angestrengtes Schweigen. Die Messer sind gewetzt, und niemand wagt sich aus der Deckung.

Ich bleibe ruhig und entspannt. Ich warte ab, was passiert.

Nach eins, zwei Minuten, gefühlt nach einer Ewigkeit, kann der erste das Wasser nicht mehr halten. “War-ein-ganz-schönes-Interview”, kaut einer zwischen den Zähnen raus. “Die-neue-Verpackung-ist-auch-ganz-ok”, nuschelt ein anderer. Und dann schließen sich weitere Leute an, mit knapp gehaltenem Wohlwollen. Der Trainer hat schließlich gesagt, dass man was Positives sagen soll, und nur was Positives.

Kurze Zeit später löse ich die Spannung auf und beende die Feedbackrunde.

Objektiv ließe sich feststellen, dass wir eben echten Qualitätsjournalismus gesehen haben und dass die Sendung mit ihren Beiträgen in anderen Seminaren als Vorzeigebeispiel für die bestmögliche Umsetzung von Themen dienen könnte. Subjektiv würgen die Hydes weiter an ihrem Mordlust-Reflex.

Blutrausch lässt sich nicht verbieten

Da sich Reflexe nicht so einfach wegverbieten lassen, bricht sich der Blutrausch beim nächsten Punkt der Tagesordnung Bahn. An einer Stelle, an der es um gänzlich unverdächtige Nebensächlichkeiten geht, fällt das Team übereinander her und verbeißt sich heillos ineinander. Was beim Feedback untersagt war, wird hier gründlich nachgeholt. Ich sehe keine Chance auf ein Happy End und breche die Veranstaltung ab.

Dieses Erlebnis ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben als Beispiel dafür, wie ungelenk wir oftmals für Verbesserungen kämpfen. Je stärker wir von einer guten Idee beseelt sind, desto enger wird unser Blickfeld und desto größer wird die Gefahr, dass wir letztlich darauf abzielen, Menschen mit anderweitigen Vorstellungen herabzuwürdigen und kaltzustellen.

Das ist kein guter Ansatz für eine konstruktive, am Ende für alle Beteiligten gewinnbringende Entwicklung…

Einen Ausweg aus einer so verfahrenen Situation gibt es nur, wenn alle Beteiligten ein paar im Grunde einfachen Regeln einhalten – und wenn die zuständige Führungskraft die Einhaltung dieser Regeln konsequent einfordert und vorlebt.

Tipp 1: Geben Sie Lob und Kritik immer als persönliche Sicht der Dinge zu erkennen, formulieren Sie Ich-Botschaften: “Ich finde das gelungen, …”

Tipp 2: Begründen Sie Ihre Wertung konkret: “Ich finde das gelungen” bwz. “ich finde das misslungen, weil…”

Tipp 3: Stellen Sie in Rechnung, dass sich Ihr Gegenüber bei seinem Vorgehen etwas gedacht hat. Wenn Sie dessen Vorgehen nicht nachvollziehen können, fragen Sie nach den Gründen für seine Herangehensweise: “Was war Deine Idee dabei?”

Tipp 4: Bei ernsthafter Kritik eröffnen Sie den Weg für eine gemeinschaftliche und konstruktive Lösung: “Was können alle Beteiligten tun, um beim nächsten Mal einfacher zu einem besseren Ergebnis zu kommen?”

Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February