Hate speech on demand

Im Netz gibt es alles auf Bestellung: Filme, Pizza und persönliche Hasskommentare. Persönliche Hasskommentare – wer braucht denn sowas?

In Zeiten von Narci Media, den narzissmusfreundlichen Netzwerken, muss man sich schon anstrengen, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu finden. Wer nicht über die Strahlkraft eines Justin Bieber oder einer Bibi Heinicke verfügt, kann auf Cat Content, Food Porn oder das geschickte Zusammenklauen fremder Inhalte setzen. Das sichert immer noch Likes und Shares, ist aber doch recht gewöhnlich.

Wer das Besondere sucht, die außergewöhnliche Anerkennung, der lässt sich öffentlich vorführen. Was die einen als Opfer von Mobbing zur Verzweiflung treibt, ist für andere der wahre Kick.

Die einfache Version:

Ein eigenes Foto an den britischen Grafik-Designer James Fridman schicken und um Nachbesserung mit Photoshop bitten. Fridman bessert nach, aber selten im Sinne des Bittstellers.

Immerhin, Fridman kennt Grenzen. Wenn ein Mädchen besser aussehen will, erinnert er die junge Frau an ihre eigene Schönheit und Würde.

Die harte Version:

Bei reddit im Bereich RoastMe ein eigenes Foto posten und die Nutzer zum Grillen auffordern. Beim Grillen gibt es keine Grenzen, und das Ziel liegt unbedingt unter der Gürtellinie.

Rollstullfahrer lassen sich grillen, Schüchterne und Autisten. Damit das auch alles seine Ordnung hat, versucht sich reddit mit dem Hinweis abzusichern, dass es hier um Spaß geht und nicht um Hass. Und falls doch jemand angesichts der Gemeinheiten trübsinnig werden sollte, findet sich rechts neben den Kommentaren der Link zur Onlineseelsorge.

Was zum Teufel…??? Warum tun Menschen sich so etwas an, vordergründig freiwillig?

Drei Erklärungsangebote

  1. Sich grillen zu lassen, ist unter all den öffentlich einsehbaren Absurditäten im Netz doch noch etwas Besonderes. Wer persönliche Gemeinheiten einfordert und dann für jeden sichtbar ausstellt, hebt sich ab.
  2. Mit dem Grillen auf Bestellung ist eine irrige Vorstellung von Kontrolle und Abhärtung verbunden: Der Grill-Kandidat bestimmt selbst, wann er gemobbt wird. Und wenn es später nochmal einen ungeplanten Shitstorm geben sollte, hat er das Schlimmste vermeintlich schon hinter sich.
  3. Vor allem aber sehe ich in der licence to grill den sehnsüchtigen Schrei nach Anerkennung. Wo echte Wertschätzung fehlt, wächst der Mut der Verzweiflung, sich mit den absonderlichsten Mitteln wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das macht das Herz zwar nicht satt, überdeckt aber erstmal den Hunger.

Mein Vorschlag für das nächste große Ding

Ein Start-up fegt die Narci Media mit einer disruptiven Neuerung vom Platz, mit dem Angebot einer persönlichkeits- und gemeinschaftsfördernden Plattform, Arbeitstitel Social Media. Das ganze wird flankiert durch eine App, mit der sich wildfremde Menschen zu einer Umarmung verabreden können, Arbeitstitel livehug. Und eine Marketing-Agentur sorgt mit Hilfe von Influencern dafür, dass ein Video über echt echte Begegnungen viral geht, Arbeitstitel 3R (real reality rules).

Das wäre doch mal ein Mehrwert.

Michael Neugebauer

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Anmerkungen zu meinen Texten sind willkommen. Kommentare werden erst dann veröffentlicht, wenn ich sie freigebe. Mit Widerspruch zu meiner Meinung habe ich kein Problem, mit persönlichen Angriffen schon.

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von Daniele Zedda • 18 February