Kalter Krieg im Seminarhotel

Kriegserklärung während eines Kommunikationstrainings: Ein Teilnehmer bestreitet den Sinn der Veranstaltung und kommentiert meine Einführung mit der Bemerkung, „Quatsch, da mache ich nicht mit!“ Kann man so eine Kampfansage aushebeln und weitermachen? Man kann, im Grunde sogar ganz einfach.

Teilnehmer des Trainings sind 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer größeren Immobilienverwaltung. Anlass sind das schlechte Betriebsklima und mangelnde Verantwortungsbereitschaft, bedingt durch das Führungsverhalten des früheren Senior-Chefs. Auftraggeber ist Jens Hoffmann, der neue Chef. Das Problem ist Falk Matthes, der Co-Chef. Matthes ist in die Vorbereitungen erst eingebunden worden, als das Training längst beschlossen war, und hätte die Veranstaltung am liebsten verhindert. Er ist es auch, der mir zu Seminarbeginn in die Parade fährt. (Die ganze Vorgeschichte hier.)

Falk Matthes ist ein älteres Semester, wahrscheinlich nur wenig jünger als der unlängst verabschiedete Senior-Chef. Ich vermute, die beiden hatten einen Deal: Du kümmerst dich um deinen Geschäftsbereich, ich kümmere mich um meinen. Keiner von uns beiden funkt dem anderen dazwischen.

Beharrlich erarbeitete Alkohol-Expertise

Matthes mag verunsichert sein von seinem neuen Chefkollegen und dessen Idee, mal grundsätzlich über die Kommunikation in der Firma zu reden. Womöglich hat er Angst davor, was da alles auf den Tisch kommt.

Hinzukommt, dass Matthes einen hochroten Kopf hat und auf seinen Wangen ein feines Netz geplatzter Äderchen zu sehen ist. Beide Symptome deuten auf eine beharrlich erarbeitete Alkoholexpertise hin. Angst und Alkohol sind eine mögliche Erklärung für sein aggressives Verhalten, aber diese Erklärung (beziehungsweise die begründete Vermutung) macht mir den Job jetzt auch nicht leichter.

Wir sitzen im Seminarraum eines noblen Golf-Hotels. Eben habe ich die Teilnehmer aufgefordert, zum Einstieg den Nachbarn oder die Nachbarin kurz zu interviewen und sich dann wechselseitig in der Runde vorzustellen. Falk Matthes geht dazwischen. Er findet, dass das alles Quatsch ist, und verkündet, dass er da nicht mitmacht. Seine Assistentin springt ihm bei und verweigert sich ebenfalls. 18 Leute halten den Atem an und sehen in meine Richtung: Was jetzt?

Ich soll als Loser dastehen

Für mich ist das eine herbe Herausforderung in meinen Anfangstagen als Trainer. Ich muss mir blitzschnell etwas einfallen lassen, um mir nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen, um mir Respekt zu verschaffen. Wenn wir diese Klippe nicht nehmen, können wir die Veranstaltung auf der Stelle knicken, und ich kann mich als Trainer begraben.

Meine Gedanken schießen hin und her, dann habe ich die Lösung.

Was erwartet Falk Matthes? Er erwartet, dass ich wütend werde und reflexhaft auf seine Kampfansage einsteige. Dass ich ihm den Gefallen tue und mich beleidigt verteidige. Dass wir uns ein Scharmützel vor Zuschauern liefern, bei denen er einen Heimvorteil hat. Dass also am Ende ich als Loser dastehe.

Raus aus dem Reflex

Deswegen ist die einzige Lösung: Raus aus dem Reflex. Nicht nach seinen Regeln spielen. Etwas tun, das ihn überrascht und aus dem Konzept bringt.

Also sehe ich ihn an, gehe ein Stück auf ihn und seine Assistentin zu und sage: „Es ist in Ordnung, wenn Sie nicht mitmachen wollen.“ Kurze Pause. Dann Ansage an die große Runde: „Die Übrigen bitte ich, jetzt ihren Nachbarn oder ihre Nachbarin zu interviewen, damit sie sich anschließend gegenseitig vorstellen können. Sie haben dafür 15 Minuten Zeit. Bitte denken Sie daran, rechtzeitig zu wechseln.“

Der Bann ist gebrochen, die Atmung in der Runde setzt wieder ein. 18 Teilnehmerfangen an, sich gegenseitig zu befragen und sich Notizen zu machen. Zwei Teilnehmer sitzen bedröppelt am Rand und bemerken, dass sie sich ins Abseits gebracht haben.

Aus dem Konzept gebracht

Um meine Position den beiden Widersachern gegenüber zu behaupten und meinen Führungsanspruch bei dieser Veranstaltung zu untermauern, setze ich auf unterschwellige, nonverbale Signale. In der Interviewphase, in der die Teilnehmer mit sich beschäftigt sind, gehe ich im Raum auf und ab. Ich achte dabei genau auf den richtigen Abstand und die richtige Nähe zu den beiden Verweigerern: Ich gehe nur so weit weg, dass sie meine Anwesenheit immer noch spüren, und ich gehe nie so dicht heran, dass ich den beiden zu nahetrete.

Falk Matthes war auf einen heißen Kampf aus, jetzt steckt er in einem Kalten Krieg. Ich habe ihn tatsächlich aus dem Konzept gebracht, denn nichts verwirrt einen Angreifer mehr, als wenn ihm sein Gegner zustimmt.

Erst als wir nach der Vorstellungsrunde in die inhaltliche Diskussion einsteigen, hat sich Matthes gefangen: Er wechselt die Taktik und dreht sich um 180 Grad. In der Debatte ist er einer der eifrigsten Mitdiskutanten. Er liefert Vorschläge und Ideen und übernimmt sogar die Leitung einer Arbeitsgruppe.

Saulus bleibt Saulus

Sind wir da gerade Zeugen der wundersame Wandlung eines Saulus zum Paulus geworden? Mitnichten. Bei genauem Hinsehen wird klar, dass Matthes sich treu geblieben ist und nur die Vorgehensweise geändert hat. Wenn er die Veranstaltung schon nicht verhindern kann, dann will er wenigstens mitsteuern.

Ich behalte meinen Wackelkandidaten im Auge. Klar ist, dass er seine Drohung heute nicht wahrmachen wird, frühzeitig mit dem eigenen Wagen zurückzufahren. Würde er das tun, hätte er keine Kontrolle mehr über den zweiten Tag. Also bleibt er bei der Sache; beim Abendessen dann platziert er sich brav am Gemeinschaftstisch.

Als ich nach Ende des Tagespensums und einem kurzen Abstecher ins Hotelzimmer zum Abendessen dazustoße, ist der Platz rechts neben Matthes noch unbesetzt. Der Privatmensch in mir sagt: Ich möchte weit weg von Matthes sitzen und nach diesem langen Tag endlich meine Ruhe haben. Der Profi in mir sagt: Der Tag ist noch nicht zu Ende, und du setzt dich direkt neben ihn. – Der Profi setzt sich durch. Schließlich geht es darum, wiederum nonverbal ein klares Zeichen zu setzen: Ich weiche nicht aus, und ich bestimme den Spielraum.

Wer kriegt hier wen?

Zwischen Matthes und mir entwickelt sich ein belangloses Wortgeplänkel; seine Stimme ist so weich wie die Butter, der aufs Ciabatta schmiert. Zur Erinnerung: Der Mann links neben mir ist der gleiche, der mich am Morgen noch angegangen ist und diffus gedroht hat, „ich kriege Sie, ich kriege Sie!“. Jetzt sieht es umgekehrt aus: Ich habe ihn gekriegt, ohne spektakulären Schlagabtausch und ohne persönliche Verletzung.

Der zweite und letzte Tag verläuft ruhig. Die Arbeitsgruppen machen weiter, und wir erreichen am Ende ein gutes Ergebnis. Am frühen Nachmittag beenden wir den Workshop. Die Stimmung in der Gruppe ist deutlich gelöst; spürbar sind Optimismus, Aufbruchstimmung und Tatendrang.

Was Männer manchmal tun müssen

Die Immobilienverwalter machen sich bereit, gemeinsam im Bus vom Tagungshotel zurück zum Firmensitz zu fahren. Alle Immobilienverwalter? Nein. Falk Matthes springt vor dem allgemeinen Aufbruch in den eigenen Wagen und jagt mit quietschenden Reifen vom Hotelgelände.

Manchmal tut ein Mann eben das, was ein Mann tun muss. Auch wenn es albern und sinnlos ist.

Michael Neugebauer

view all post
Hinterlasse ein Kommentar
Herbert • 4 Wochen ago

Spannende Geschichte. Ich weiß nicht, ob ich die Chuzpe aufgebracht hätte, auch noch den Feierabend neben diesem Vollpfosten zu verbringen. Aber es stimmt natûrlich: Du hast ihn "gekriegt" - ohne spektakulären Schlagabtausch und ohne persönliche Verletzung. Aehnliches ist mir vor zehn Jahren bei einem Online-Seminar passiert. Da sass ein Chefredakteur im Raum, der mit meinem Thema nichts anfangen konnte. Also packte er sein Vesperbrot aus und fing an zu knabbern. Ich bat ihn schliesslich, den Raum zu verlassen. Das tat er dann auch. Rechtzeitig zum Catering zu Mittag war er jedoch wieder da. Man kann sich seine Seminarteilnehmer eben nicht aussuchen. Aber das Beste aus der Situation zu machen, das steht uns frei. Weiterhin viel Erfolg bei deinen Unternehmungen!

reply

Anmerkungen zu meinen Texten sind willkommen. Kommentare werden erst dann veröffentlicht, wenn ich sie freigebe. Mit Widerspruch zu meiner Meinung habe ich kein Problem, mit persönlichen Angriffen schon.

*

von Daniele Zedda • 18 February