Post-traumatische Belastungsstörung

Ich habe meine Push-Benachrichtigungen beschränkt, halte meine private Facebook-Freundesliste überschaubar und surfe mit Ad-Blocker. Und trotzdem landet unablässig digitaler Mitteilungsmüll auf meinem Bildschirm. Eindeutig: Ich leide unter Post-traumatischer Belastungsstörung. Morgens den Rechner angeschaltet, Facebook aufgerufen, und los geht´s mit dem Wastestorm: Mark Zuckerberg lässt grüßen, aufrichtig algorithmisch, mal mit einem personalisierten Wetterbericht, mal mit einem kumpelhaften Sicherheitshinweis.

Ok, that´s part of the deal bei Facebook. Die Firma hat ein Interesse an meiner Aufmerksamkeit. Aber was, bitteschön, sollen diese herzensleeren Geburtstagsglückwünsche in der Timeline, die nicht automatisch generiert sind, sondern händisch erstellt von Freundesfreunden?

Ein paar Zeilen weiter unten teilt ein anderer Freundesfreund dem Facebook-Universum kennerhaft abgekürzt seine Begeisterung über die Annahme einer Freundschaftsanfrage mit. Das Universum kann gar nicht so schnell wegsehen, wie es das gar nicht wissen will.

Im echten Leben gibt man sich zur Begrüßung die Hand, im Netz schüttelt man Fake Hands. Gruselig: Die Danksagungen deutschsprachiger Twitterer an ihre neuen Follower, automatisiert abgesetzt in Englisch, gern versehen mit dem hohlen Nachsatz “happy to connect” und dem unfreiwilligen Spurenelement “insight bei commun.it”.

Auch um die Sozialprothetischen Medien herum sind im Web Robotschafter unterwegs, die mich persönlich angehen. Sie machen mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen soll.

Dieser Hinweis hat für mich die gleiche Qualität wie die Pennäler-Botschaft “wer das liest, ist doof”. Ich unterlaufe den Cookie-Deal, indem ich im Privat-Modus surfe. Allerdings handele ich mir damit an anderer Ecke Ärger ein: Twitter schickt mir hysterisch Mails, wenn ich mich neu anmelde und keinen Keks mitbringe.

Auch meine Startseite Spiegel Online wird nervös, wenn sie mich zum Einstieg nicht gleich als treuen Nutzer wiedererkennt. Kaum habe ich angefangen, mich durch die Seite zu scrollen, springt mich ein Pop Up an, dass es neue Inhalte gibt – was für mich etwa so hilfreich ist wie die Feststellung, dass ich gerade wieder geatmet habe.

Von erlesener Sinnlosigkeit ist für mich auch die scheinpersönliche Ansprache bei Word. Dieses Programm tut so, als ob es sich tatsächlich freut, wenn ich ein altes Dokument aufrufe.

Huscht in irgendeinem Büro ein zufriedenes Lächeln über das Gesicht eines Textarbeiters, wenn er diesen Hinweis liest? Niemals, nirgends.

Was mich an diesem digitalen Plastikmüll nervt, ist der Umstand, dass es im Kern um etwas Wertvolles und Wesentliches geht, um Anerkennung, Aufmerksamkeit, Zuwendung (aka Liebe). Diese ganzen Posts und Pop Ups lenken mich ab; sie machen Appetit und sättigen nicht. Schlimmer noch, die von Unternehmen verbreiteten Algorithmen färben auf das Verhalten von Freunden und Kollegen ab, die eine routiniert hingehuschte Textmitteilung in der Timeline inzwischen für ein angemessenes Zeichen persönlicher Verbundenheit halten.

Ich mag´s ja immer noch klassisch: Entweder ehrliche Zuwendung bei einem Treffen, am Telefon, in einer Textnachricht oder einfach mal die Klappe halten. Gefühlsecht, jedenfalls.

Michael Neugebauer

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von Daniele Zedda • 18 February