Warum wir uns so schwertun mit Innovation und Disruption

Auch wenn die Menschen sich gern alle paar Monate neue Klamotten kaufen, um mit der Mode zu gehen, tiefergreifende Veränderungen mögen sie nicht. In der vergangenen Woche habe ich den Zukunftsforscher Matthias Horx bei einer Veranstaltung in Berlin erlebt. Er hat das Thema für mich mit drei Zitaten auf den Punkt gebracht.

Das Grundproblem mit Erneuerung und Umbruch, mit Innovation und Disruption, liegt in unserem Erbgut, sagt Horx. Am Beginn seiner Zeit war der Mensch gut beraten, ein hoch empfindliches Risikomanagement zu betreiben, um zu überleben. „Wer ruhig geblieben ist, wenn es hinter ihm im Gebüsch geraschelt hat, hatte womöglich keine Chance mehr, sein Erbgut weiterzugeben.“ Und aus dieser Einsicht folgt:

haloween-1755295_960_720-1„Wir sind selektiert aus den Ängstlichen.“

Obwohl sich der Bestand der Säbelzahntiger bis heute dramatisch verringert hat, schalten wir innerlich noch immer auf Alarm, wenn wir vor etwas Unbekanntem stehen. Das Unbekannte macht Angst, weil es bedrohlich sein könnte, also wehren wir es instinktiv ab. Diese urzeitliche Erbanlage ist stärker als die vergleichsweise neue Fähigkeit zu intellektueller Abwägung und Einsicht.

Das führt dazu, dass wir nicht besonders mutig und erfinderisch sind, auch wenn wir uns ernsthaft um Veränderungen bemühen. Wir wollen am liebsten unsere gewohnten Erfahrungen und Vorstellungen fortschreiben. Wer etwas Neues, etwas wirklich Neues vorantreibt, wird belächelt, als Spinner abgetan oder als Abweichler bekämpft. Bis sich die neue Idee durchsetzt gegenüber dem, was ängstliche Zeitgenossen als Vernunft bezeichnen. Horx zitiert:

racehorse-152697_960_720„Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde.“

If I had asked people what they wanted, they would have said faster horses.

Dieser Satz wird dem Autobauer Henry Ford zugeschrieben. Das Zitat lässt sich zwar nicht belegen, ist aber bestechend eingängig (und wird deswegen weiter seinen Weg machen).

Ähnlich treffend finde ich diesen Satz, den Horx ebenfalls zitiert:

lightbulb-1246589_960_720-1„Die Glühbirne ist nicht beim Versuch erfunden worden, die Kerze weiterzuentwickeln.“

The light-bulb was not invented by trying to improve the candle.

Und was bringt uns raus aus diesem Dilemma? Wenn ich Horx richtig verstanden habe und meine eigenen Erfahrungen mit Veränderungsprozessen zusammenfasse, ist das vor allem Mut:

  1. Mut, die eigenen Gewissheiten immer wieder daraufhin zu überprüfen, ob sie nach wie vor stimmig sind.
  1. Mut, immer wieder etwas Neues auszuprobieren.
  1. Mut, Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Und vielleicht würden wir uns alle leichter tun mit Innovation und Disruption, wenn ein weiterer Gesichtspunkt mehr Berücksichtigung finden würde: Veränderungen sollten nicht allein einem einzelnen Menschen oder einem einzelnen Unternehmen kurzfristig Vorteile verschaffen, sondern langfristig die Gesellschaft insgesamt voranbringen.

 

 

 

 

Michael Neugebauer

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Tobias Hellmann • 6 Monaten ago

Das Zitat mit den schnelleren Pferden wird immer mal wieder genommen, um Innovation loszulösen von konkreten Nutzerbedürfnissen. Frag bloss nicht den Nutzer, der sieht nur seinen Tellerrand. Oder, noch schlimmer, um die Kosten für User Research einzusparen. Was hier übersehen wird: im Nutzerbedürfnis »schnellere Pferde« steckt ein wichtiger Ansatz für Innovation, es geht um Geschwindigkeit. Die Geschwindigkeit von Pferden ist das Problem. Nicht die Futterkosten, der Stall oder der Pflegeaufwand. Und Geschwindigkeit war schließlich der entscheidende Vorteil des Automobils gegenüber Pferden und Pferdekutschen. Also: fragt unbedingt die Leute, was sie wollen, wenn ihr etwas innovatives vorhabt!

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von Daniele Zedda • 18 February