Jetzt hör´ mir mal zu

Es bewegt sich was in der deutschen Firmenkultur: Streithähne fallen sich nach meiner Beobachtung nicht mehr so schnell ins Wort wie früher, sondern lassen einander schon mal ausreden. „Aktives Zuhören“, murmelt das Publikum dann wissend und anerkennend. Stellt sich nur die Frage: Wieso klappt es bei allem „Aktiven Zuhören“ immer noch nicht so richtig mit der gegenseitigen Verständigung?

Wer heute ein Kommunikations- oder Konfliktmanagement-Training besucht, kommt an dem Begriff „Aktives Zuhören“ kaum vorbei. Aktives Zuhören, wird da vermittelt, bedeutet vor allem: Das Gegenüber ausreden lassen. Die Ausführungen des Gegenübers mit interessierten Grundlauten wie „aha“ und „mh, mh“ begleiten. Erst dann zur Gegenrede ansetzen, wenn der Widersacher seinen Gedanken beendet hat.

Das klappt nach meinem Eindruck in vielen Fällen schon ganz gut. Allerdings, durch den Verzicht auf hektische Unterbrechung allein ist wenig gewonnen. Was immer noch fehlt, sind echtes Verstehen und Verständnis.

Die Ohren zugeklappt, die innere Zugbrücke hochgezogen

Was ich immer öfter beobachte, ist: Wenn zwei sich streiten, bemühen sich beide angestrengt, die Klappe zu halten, wenn der andere redet. Aber demjenigen, der gerade vorgeblich „aktiv zuhört“, ist deutlich anzumerken, er hat die Ohren zugeklappt und innerlich die Zugbrücke hochgezogen. Jedes mühsam hervorgebrachte „aha“ und „mh, mh“ ist nichts anderes als eine mühsame Verkleidung der wahren, abwehrenden Grundeinstellung „jaja, rede du nur…“.

Das Problem mit dem Aktiven Zuhören ist, dass es meist nur als Technik genutzt wird. Dem Widersacher nicht gleich ins Wort zu fallen und sich gegenseitig ausreden zu lassen, lässt sich als Verhalten einüben und mechanisch wieder und wieder abrufen. Zuhören ist aber mehr als einfach mal die Klappe halten.

Zuhören bedeutet:

  1. sich für ungewohnte, vielleicht unbequeme Auffassungen öffnen,
  2. andersartige Gedankengänge nachvollziehen und
  3. den Gehalt einer fremden, vielleicht gegensätzlichen Überzeugung erfassen.

Verständnis ist nicht gleich Zustimmung

Nur so lässt sich erreichen, dass sich zwei Kontrahenten ernsthaft verstehen lernen. Wobei die größte Furcht in diesem Zusammenhang meistens ist, dass Verständnis falsch verstanden wird als Zustimmung.

Nein, wenn ich jemand anderen verstehe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich dessen Haltung billige, unterstütze und für mich übernehme. Wenn ich jemand anderen verstehe, bedeutet das zunächst ein161123mal nur, dass ich dessen Meinung erfasse und als seine persönliche Sicht der Dinge anerkenne.

Und genau darum geht es, um Anerkennung. Jeder Mensch reagiert allergisch, wenn ihm Anerkennung verweigert wird. Wenn er das Gefühl hat, dass seine Interessen nicht wahrgenommen werden, wird er diese Interessen zunehmend lauter und rücksichtsloser vortragen. So lange, bis endlich einer zuhört. Bedauerlich, wenn am Ende der Zuhörer ein Polizeipsychologe ist…

Eine Frage der inneren Haltung

Ich habe es tatsächlich mehrfach erlebt, dass sich ein erbitterter Streit in Wohlgefallen auflöst, wenn die unterlegene Seite wenigstens spürt, dass sie ernstgenommen wird. Ich kann meine eigenen Interessen leichter zurückstellen, wenn ich wenigstens Respekt erfahre.

Die Technik des Aktiven Zuhörens ist also weder falsch noch nutzlos. Sie entfaltet ihre Wirksamkeit aber nur in Verbindung mit der inneren Haltung, sich aktiv um Anerkennung und Verständnis zu bemühen.

Michael Neugebauer

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theo • 12 Monaten ago

Eine Ergänzung: als hilfreich fürs Verstehen schildern ExpertInnen für Meditation die Technik, dass Zuhörende jeweils mit eigenen Worten noch einmal wiedergeben, was der/die Andere gesagt hat. Klar, dass das Zeit kostet - aber durch diese Entschleunigung wird Verständnis vertieft. Sicher nicht für alle Gespräche geeignet; lohnt aber für schwierige Situationen.

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Michael Neugebauer • 12 Monaten ago

Diesen Trick hatte ich mir für eine Fortsetzung aufheben wollen... ;-) Freue mich aber sehr über den Hinweis.

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Anmerkungen zu meinen Texten sind willkommen. Kommentare werden erst dann veröffentlicht, wenn ich sie freigebe. Mit Widerspruch zu meiner Meinung habe ich kein Problem, mit persönlichen Angriffen schon.

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von Daniele Zedda • 18 February